Wie der Hl. Rock Jesu wirklich nach Trier kam
Von Walter Liederschmitt „Woltähr“ (Trier 2012)
YouTube-Video: http://youtu.be/wYSuZR5t0xQ

Der Erzbischof von Köln wollte den Kollegen in Trier einmal besuchen. Im tiefsten Mittelalter. In raubritterlicher Zeit. Und ließ dazu ein Schiff bauen. (Das kann man mit dem Doppelblatt einer Zeitung fix zusammenfalten. Zur Veranschaulichung. Ein Papierschiffchen!)

Denn er wollte doch einen Großteil seines Hofstaats mit auf die Reise nehmen. Einen Koch! Und noch einen Koch. Den ersten und den zweiten Mundschenk. Und ein paar Mädels, Meisterinnen ihres Fachs. Später hießen sie Mätressen – aber das ist französisch, das galt da noch nicht so viel. Kamen alle mit an Bord dieses stattlichen Ruder-und-Segel-Schiffs und schipperten fröhlich rheinaufwärts, auf Koblenz zu, am Deutschen Eck vorbei, mit dem dummen Kaiser Wilhelm drauf – aber nein, den gab’s da ja noch nicht, ist eine neuere, oh wie peinliche Geschicht‘ – und schwammen guter Dinge gegen die Mosel an. Die Namen der Ruderknechte und der Treidler, die dieses Schiff vom Ufer links und rechts an langen Stricken gegen die Strömung ziehen mussten – der wirklich arbeitenden Bevölkerung also – können hier gar nicht aufgeführt werden.
So kam man denn, noch gut gelaunt, bis in die Nähe der Burg Thurant bei Alken, Oberfell, da saß gerade ein Raubritter, der die Schiffe, die daran vorbei wollten, einen Passierzoll zu zahlen zwang. „Aber ich bin doch mit dem Segen des Allerhöchsten unterwegs!“ rief der aus Köln. „Und ich bezahl‘ doch nix. Ich lass‘ bezahlen…“
„Das wollen wir sehen“, rief der Herr der Burg zurück und ließ mit seinen Wurfmaschinen, mächtige Katapulte, Schießpulver und Kanonen waren noch nicht erfunden, ein paar steinerne Wacken auf das Schiff niedersausen. Und schoss dem Kahn tatsächlich voll das Heck ab! (Man reiße jetzt von dem Papierschiff vertikal die eine Ecke ab!)


Aber Holz schwimmt oben. Weiter geht’s! Die Starkenburg bei Traben-Trarbach. Wo die Gräfin Loretta von Sponheim den Kurfürsten von Trier-Luxemburg, Balduin, gefangen hielt, bis er ein hohes Lösegeld bezahlt und auch noch andere Zugeständnisse gemacht hatte. Aber das muss später gewesen sein. Denn als die Kölner nun hier auftauchten, saß da ein etwas verarmter Burgherr – nannte er sich noch – der dachte: Wenn einmal im Leben diese reichen Köl’schen hier vorbei kommen, dann muss doch für mich auch etwas herausspringen… Hatte er sich so gedacht. „Nix wird bezahlt! Ich bin doch der Erz-“ Da verschlug es ihm die Sprache – sah er doch einen mächtigen Felsbrocken schon auf sich zu geflogen kommen. Der voll in die Mitte des Decks einschlug und den Hauptsegelmast zerfetzte. (Man reiße jetzt das mittlere Papier-dreieck, tief in den „Bauch des Schiffes“ greifend, in leicht gebogenem Riss heraus.) So groß das Palaver an Bord auch war – niemand von den Gästen kam ernstlich zu Schaden, und wie durch ein Wunder blieb der Rumpf des Schiffes auch soweit intakt, dass man durchaus noch weiter auf Trier zu treiben konnte. An Bernkastel-Kues vorbei, der Burg Landshut – die schienen schon Mitleid mit dem havarierten Seelenverkäufer zu haben und ließen das bejammernswerte Boot unbehelligt passieren. Aber wir ahnen schon, wie das zu Ende geht: die dritte Spitze, der Bug, muss auch noch weg! Das hat dann der Wegelagerer von der letzten Burg vor Trier, der Alten Burg in Longuich, erledigt. „Nix git bezahlt!“ (Immer noch nicht! So klerikale Herrscher – über was eigentlich? – können gnadenlos geizig sein.) Und rums! – bleibt von dem stolzen Schiff nur noch so etwas wie ein Floß übrig. (Jetzt auch die letzte Spitze glatt abreißen und den Rest aufklappen! Auf dem man relativ sicher stehen oder sitzen, auch die Beine ins Wasser baumeln lassen kann. Sogar Mississippi-tauglich. Tom Sawyer, Huckleberry Finn hätten noch ihre Freude dran gehabt. Aber solange hat das Bauholz nicht gehalten. Wir sind im Hochmittelalter! Und mit den letzten Anstrengungen – der arbeitenden Bevölkerung, natürlich – ist der Köl’sche Hofstaat tatsächlich noch bis nach Trier gezogen worden. Wie ein Lauffeuer ging das mit diesem Rest von einem Schiff seiner Ankunft voraus. Der Trierer Bischof und sein Gefolge standen also neugierig am Krahnenufer und begrüßten die vom Rhein etwas ungläubig – Männer der Kirche, die nicht glauben konnten, was sie sahen! – „Oh leck! Wat is denn da mit euch passiert?! Ihr seht ja arg lädiert aus…“
„Ja, schon – aber doch mit heiler Haut davongekommen! Nur die Gastgeschenke, die haben wir unterwegs verloren, irgendwie. Haben aber noch ein Stück vom Segel retten können – “
Damit präsentierte er dem Trierer Kollegen den Rest aus Segeltuch, kräftig wie Sackleinen, was sie von der dreifachen Bombardierung noch übrigbehalten hatten. Und am 1. Mai 1196 wurde der sogenannte Hl. Rock Jesu – Jetzt alles auseinanderfalten und über den Kopfausschnitt anziehen!
im Trierer Dom eingemauert, in einer Mauernische versteckt, und erst seit 1512 wieder öfter mal hervorgeholt…
Der Rest der Geschichte ist Geschichte. Und wenn die, die ihn je berührt haben, nicht erblindet oder gestorben sind, – auch 1996 oder 2011 – dann leben die noch!

YouTube-Video: http://youtu.be/wYSuZR5t0xQ
Bänkelsänger-Stadtrundgang LIVE Ostersonntag 8. 4. 2012
Filmaufnahmen + Schnitt: Angela Preiss