Owê… alliu mîniu jâr!
Wvd Vogelweide / WL Woltähr 12/2010

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!
Ist mîn leben mir getroumet, oder ist ez wâr?
Daz ich ie wânde ez waere, was daz allez iht?
Dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.

O weh! Wohin entschwanden alle meine Jahr‘?
Ist mein Leben mir geträumt nur? Oder ist es wahr?
Dass ich je wähnte, es wäre wirklich alles echt!
Vielleicht hab ich geschlafen und ich weiß nicht recht

Nun bin ich erwacht, die ein‘ und andre Hand
ist mir wie das, was ich mal gut kannte, unbekannt.
Land und Leut‘, wo ich aufwuchs, als ich noch ein Kind
war, sind fremd mir geworden, da sie nicht mehr so sind.

Die mir Freunde einst waren, sind jetzt träge und alt,
eine Baustelle das Feld, ein Verhau ist jeder Wald!
Wenn das Wasser nicht flösse wie es einstens floss,
wär‘ mein Unglück, so fürcht‘ ich, über-übergroß.

Ach, mich grüßt mancher müde, der mich kennen sollt‘.
Diese Welt ist allenthalben der Ungnaden voll.
Und die Namen von so manchen Wonnentagen bisher
sind mir selbst schon entfallen – wie ein Schlag ins Meer!

Wie ein Schlag ins Meer